Riechen – Der Sinn, der Erinnerungen weckt

Unsere Sinne – Teil 3

Zimt an der Jacke vom Weihnachtsmarkt, Regen auf warmem Asphalt, der vertraute Duft eines Menschen: Gerüche sind wie Abkürzungen in unsere Gefühlswelt. Ein Atemzug – und wir sind woanders. Riechen ist aber mehr als Nostalgie: Es beeinflusst, wie wir essen, woran wir uns erinnern, mit wem wir uns wohlfühlen und wann wir auf Gefahr schalten.

Wie funktioniert unser Geruchssinn eigentlich?

Mit jedem Atemzug strömen unzählige Duftmoleküle durch die Nase. Im oberen Bereich sitzt die Riechschleimhaut, ein nur wenige Quadratzentimeter großes Areal, ausgestattet mit Millionen spezialisierter Riechzellen. Jede dieser Zellen ist auf bestimmte Moleküle spezialisiert. Treffen nun darauf Duftstoffe, werden elektrische Impulse ausgelöst, die über den Riechnerv ins Gehirn gelangen.

Das Besondere: Der Geruchssinn ist direkt mit den Bereichen des Gehirns verbunden, die Emotionen und Erinnerungen steuern. Deshalb reicht schon der Duft von einem guten Parfüm aus, um einen positiven Eindruck zu hinterlassen – oder ein Hauch von Rauch, um Alarmbereitschaft auszulösen.

„Ich kann dich (nicht) riechen“ – was dahinter steckt

Jeder Mensch hat einen Eigengeruch – geprägt durch Haut, Ernährung, Mikrobiom, Hormone und die Genetik. Er wirkt unbewusst. Sympathie, Vertrauen, Nähe: Vieles beginnt, bevor Worte fallen. Parfüm kann überdecken, aber nicht komplett umschreiben. Dass wir manche Menschen „nicht riechen können“, ist oft eine echte Geruchsreaktion – ein biochemisches „passt / passt nicht“, das unser Gehirn schnell bewertet. Gut zu wissen: Das ist normal. Und es erklärt, warum wir uns in manchen Räumen, bei manchen Personen sofort wohlfühlen – und anderswo lieber wieder gehen.

Warum der Winter so besonders duftet

Im Winter riecht die Welt sehr kontrastreich: Draußen ist die Luft kalt und ruhig – da fallen einzelne Gerüche leichter auf, etwa Tannenzweige, nasser Asphalt oder ein Hauch Kaminrauch. Drinnen sorgt Wärme dafür, dass mehr Duftmoleküle in die Luft gelangen – Aromen aus Plätzchen, Tee oder Duftkerzen werden voller und bleiben länger wahrnehmbar. Der Moment an der Haustür verbindet beides: Man bringt die Kälte in der Nase mit, und die Wärme hebt die Düfte an wie ein sanfter Dimmer: Der klassische Weihnachtsgeruch entsteht.

Riechen & Essen: Teamarbeit von Nase und Gaumen

Warum schmeckt der Braten an den Feiertagen so großartig – und bei Schnupfen plötzlich nach „nichts“? Ein großer Teil des „Geschmacks“ ist retronasales Riechen: Beim Kauen steigen Aromastoffe aus dem Mundraum zur Riechschleimhaut. Ist die Nase dicht, fehlt dieser Kanal. Tipp für mehr Genuss ohne Extraaufwand: Vor dem ersten Bissen einmal bewusst durch die Nase einatmen und das Aroma „ankommen“ lassen.

Alltags-Check: Fünf Situationen, in denen die Nase für uns arbeitet

  • Küche: Milch oder Fisch „riechen komisch“ – im Zweifel weg damit.
  • Bad/Keller: Gas- oder starker Chemiegeruch? Fenster auf, raus, Hilfe holen.
  • Bahn, Auto & Büro: Intensives Parfüm kann Kopfdruck machen – die Dosierung ist wichtig.
  • Druckerraum/Neumöbel: Ausdünstungen? Anfangs häufiger lüften.
  • Sport & Alltag: Eigengeruch ist normal – gepflegt und nur dezent parfümiert wirkt für die meisten angenehmer als eine Duftwolke.

Wenn der Geruchssinn streikt

Manchmal wird die Welt plötzlich „leiser“: Kaffee riecht kaum, Essen wirkt flach, vertraute Düfte kommen nicht richtig durch. Häufige Auslöser sind Infekte, Allergien, sehr trockene Luft oder schlicht Erholung nach einem Schnupfen. Manchmal „kippen“ Gerüche vorübergehend und wirken verbrannt oder chemisch – das kann Teil des Heilungswegs sein und legt sich oft wieder.

Wichtig bleibt die Sicherheit: Unsere Nase warnt, aber nicht immer zuverlässig. Verlassen Sie sich zu Hause zusätzlich auf Rauch- und – wo sinnvoll – Gasmelder. Und bei ungeklärtem Rauch- oder Gasverdacht gilt: Fenster öffnen, rausgehen, Hilfe holen.

Wann abklären lassen?

  • Der Geruchssinn ist plötzlich deutlich weg (ohne starken Schnupfen).
  • Nach 3–4 Wochen spüren Sie keine Besserung.
  • Nach Kopfverletzung oder Operation fällt Riechen oder Schmecken aus.
  • Es kommen weitere Auffälligkeiten dazu: einseitig verstopfte Nase, starke Schmerzen, Fieber.

Erste Anlaufstelle ist die HNO-Praxis (alternativ Hausarzt/Hausärztin). Dort wird geprüft, ob eine behandelbare Ursache dahintersteckt und welche Schritte sinnvoll sind.

Duft-Etikette im Alltag

Ein angenehmer Duft schafft Nähe, eine Duftwolke schafft Distanz. Orientieren Sie sich an dieser einfachen Regel: Wer neben Ihnen sitzt, darf Ihren Duft wahrnehmen – der Raum hinter Ihnen nicht. Besonders in Meetingräumen, Bus & Bahn und Praxen gilt: lieber dezent.

Stimmung auf den ersten Atemzug

Riechen ist der schnellste Weg zu Stimmung und Erinnerung. Gönnen Sie sich im Alltag kleine Duftmomente – beim Kochen, Draußensein oder Heimkommen – und lassen Sie sie bewusst wirken. So wird jeder Atemzug ein kleiner Wohlfühlmoment.

In der nächsten Ausgabe unserer Sinnes-Serie: Schmecken – warum Geschmack mehr ist als süß, salzig & Co.

In der nächsten Ausgabe unserer Sinnes-Serie:

Schmecken – warum Geschmack mehr ist als süß, salzig & Co.

Veröffentlicht: 29.11.2025 - Aktualisiert: 15.12.2025